„Stammtisch-Führung“

Ohne mitdenkende Mitarbeiter ist ein Unternehmen arm dran. Trotzdem werden Mitarbeiter immer noch selten gefragt – und schon gar nicht nach ihrer Meinung. Wie kommt’s?

Stammtische stehen vorzugsweise in Eckkneipen und Landgasthöfen. Oder, „bildlich“ gesprochen, überall dort, wo große Buchstaben das Denken ersetzen. Bis vor nicht allzu langer Zeit hat mir dieses platte Vorurteil gute Dienste erwiesen. Es war mir Orientierung und Ruhekissen zugleich: Ich wusste, welches Ambiente ich zu meiden hatte und wessen Meinung ich guten Gewissens gering schätzen durfte.

Aber nun ist mal wieder alles anders.

Seit sich die Krisen aneinander reihen – Immobilienkrise, Banken-, Schulden-, Eurokrise, (welche habe ich vergessen?) – seitdem ist überall Stammtisch. Und jedes mal, wenn ich mich dabei ertappe, Sätze zu denken wie „warum machen DIE das?“, „warum tun DIE nichts?“, „sind DIE denn von allen guten Geistern verlassen?“, bleibt mir nichts anderes übrig, als mir reuevoll an die eigene Nase zu fassen.

Es ist ja auch nicht einfach: Da tun sich Risiken auf, die mir Angst machen. Risiken, die meine berufliche und persönliche Zukunft direkt betreffen. Und was bleibt mir übrig außer zuzuschauen, wie die Politiker sich zanken, wie die Experten die Augen verdrehen und sich gegenseitig ihre ‚alternativlosen‘ Ratschläge mies machen, und wie in Hinterzimmern an neuen Parteien und Heilversprechen gebastelt wird.

Also mache ich mir Stammtischgedanken! Weil man mich nicht ernst nimmt. Weil mir niemand reinen Wein einschenkt. Weil niemand mir erklärt, dass wir es hier mit Problemen zu tun haben, für die es eben nicht die eine richtige Lösung gibt. Dass die Entscheider hier mit Unwägbarkeiten umgehen müssen, die ihnen kein noch so schlauer Experte abnehmen kann.

Wenn man mir erklären würde, dass die Politiker infolgedessen eigentlich nur die Strategie verfolgen können: 1. Lösungen in kleinen Schritten (!) ausprobieren (um das Kind nicht – aus Versehen – mit dem Bade auszuschütten) und 2. die Unwägbarkeiten verringern (indem sie sich zusammenraufen und den Stakeholdern verbindliche Regeln setzen), dann fiele es mir leichter, mich mit dem Zuschauen abzufinden. Dann hätte ich vielleicht immer noch Angst um meine Zukunft, aber ich wüsste wenigstens, dass das Menschenmögliche getan wird, um die Katastrophe zu verhindern.

Wenn ich dann auch noch sicher sein könnte, dass meine Angst wahr genommen und bei der Suche nach Lösungen ernst genommen und berücksichtigt wird, dann ginge es mir um einiges besser.

Etwas ganz ähnliches beobachte ich im Arbeitskontext: Mitarbeiter wollen von ihren Führungskräften ernst genommen werden, wollen bei Schwierigkeiten reinen Wein eingeschenkt bekommen. Sie wollen darüber aufgeklärt werden, um welche Art von Problemen es geht, und welche Strategien zur Lösungsfindung genutzt werden. Stattdessen lässt man sie immer noch allzu oft buchstäblich ‚außen vor‘.

Dabei haben auch Mitarbeiter nicht selten einfach Angst. Angst vor falschen Entscheidungen ihres Führungspersonals. Denn davon hängt letztendlich die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes ab: ihre Existenz. Deshalb wollen Mitarbeiter gefragt werden! Nicht weil sie mit entscheiden wollen. Aber weil sie sicher sein wollen, dass die Entscheider ihre Belange berücksichtigen und ihre Erfahrungen nach bestem Wissen und Gewissen in die Lösungsfindung einfließen lassen.

Wo diese Sicherheit fehlt, müssen wir uns nicht wundern, wenn es in den Pausenecken zugeht wie am Stammtisch: Wenn über ‚die da oben‘ vereinfacht, gemutmaßt, übertrieben und gelästert wird, was das Zeug hält. Und weil das so ist, fühlen sich Führungskräfte ihrerseits ‚im Recht‘, wenn sie auf die Beiträge ihrer Mitarbeiter ‚dankend‘ verzichten.

Wenn es aber gelingt, diesen Teufelskreis zu durchbrechen; wenn Führungskräfte es sich zur Pflicht machen, ihre Mitarbeiter zu fragen und ihnen zuzuhören, gewinnen alle: Die Führungskräfte treffen bessere Entscheidungen. Die Mitarbeiter verstehen die Entscheidungen und tragen sie mit. Und wenn es trotzdem einmal schief geht, suchen alle gemeinsam nach einer besseren Lösung.

Herzlichen Dank für Ihr Interesse!

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